Kinder fordern uns heraus
Wie erziehen wir sie zeitgemäß?
R. Dreikurs/V. Soltz
EUR 16,00
Broschiert - 363 Seiten - Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: Mai 2003
ISBN: 3608942777
Nun, ich habe selbst keine Kinder und nun mag man sich wundern, wieso gerade ich geneigt bin, ein Buch über Kindererziehung zu lesen. Das Buch entstand Anfang der 60er Jahre, die Autoren sind längst verblichen, doch das Buch ist brandaktuell. Die Kinder von damals, die kleinen Tyrannen, die Rotzgören und Lümmel, sind nämlich heute erwachsen. Sie sind unsere Chefs, unsere Freunde, unsere Ehepartner, unser engsten Vertrauen, unsere Mentoren oder Busfahrer geworden und sie benehmen sich noch immer, wie die Rotzlöffel, die sie damals waren.
Als ich das Buch in die Finger bekam, sagte eine Freundin, sie habe dies Buch gelesen, weil man ihr sagte: "schau da mal rein, daß ist ein Buch über das Verhältnis zu deinem Ehemann". Ich brauchte nur die ersten paar Seiten zu lesen, um zu der Überzeugung zu kommen, das dies Buch auch sehr trefflich meine persönlichen Beziehungen zu den kleinen Tyrannen, die nun erwachsen sind, beschreibt.
Das ein oder andere im Buch vorgeschlagene Vorgehen, mag auf den ersten Blick doch etwas veraltet erscheinen, stellenweise vielleicht sogar herzlos oder grausam. Unter dem Aspekt gesehen, daß die Autoren jedoch den Grundgedanken des gegenseitigen Respekts verfolgen, wird deutlich, daß Respekt zu oft verwechselt wird, mit "jeden Wunsch erfüllen, zu Diensten sein, beschützen wollen" oder schlicht, um die eigene Machtposition auf eine ganz perfide Weise herzustellen (gebraucht werden sprich den anderen abhängig machen).
Ich gehe bei der Rezension von den persönlichen Beziehungen aus, die wir Kinder von damals heute eingehen und stelle fest, daß wir wirklich vieles nicht gelernt haben, was uns heute das Zusammenleben wesentlich angenehmer gestalten würde. Dafür haben wir vortrefflich gelernt, jemanden in unseren Dienst zu nehmen, um uns unser falsches Selbstbild von außen bestätigen zu lassen und permanent nach ungebührlicher Aufmerksamkeit zu verlangen. Wir haben eben nicht gelernt, daß gegenseitiger Respekt die Basis sein sollte, sondern wir sind sogar geneigt, die ein oder andere Strafe in Kauf zu nehmen, um unserem unnatürlichen Verlangen nach Anerkennung/Aufmerksamkeit nachzukommen. Wie oft verwechseln wir noch immer, negative Aufmerksamkeit mit Wichtigkeit? Es erfreut uns innerlich, wenn wir jemanden erzürnen, er/sie ist ja dann schließlich gezwungen, sich mit uns zu befassen, wenn auch im Groll, dennoch, wir können uns der Aufmerksamkeit für lange Zeit gewiss sein.
Dreikurs/Soltz versuchen in ihrem Buch, solche Verhaltensweisen erst gar nicht aufkommen zu lassen, indem sie vorschlagen, die Situation distanziert zu betrachten und die natürlichen Konsequenzen für eine Aktion eintreten zu lassen. Z.B. will ein Kind seine Jacke nicht anziehen, ist die natürliche Konsequenz, daß es friert. Es kann sich tags darauf gerne überlegen, ob es doch eine Jacke anziehen möchte. Die natürliche Konsequenz kann nicht sein, daß man sich stundenlang damit beschäftigt, dem Kind zu erklären, daß es eine Jacke anziehen muß. Damit erreicht man lediglich, daß das Kind seinen bereits vorhandenen falschen Selbstwert (ich bin nur wichtig, wenn man sich mit mir beschäftigt) untermauert bekommt.
Natürlich geht es auch darum abzuwägen, was reglementiert werden muß und was nicht. Also die natürliche Konsequenz, ein Kind mit einem Messer herumrennen und es sich aufspießen zu lassen, steht selbstredend nicht zur Disposition. In einem solchen Fall schlagen die Autoren vor, dem Kind das Messer solange vorzuenthalten bis es sich entschieden hat, mit dem Werkzeug angemessen umzugehen. Wichtig hierbei, dem Kind wird immer die freie Entscheidung gelassen, ob es auf etwas verzichten möchte - in diesem Fall, den Umgang mit dem Messer - oder sich den Regeln gemäß verhalten möchte = Messer dient als Werkzeug, welches mit der entsprechenden Sorgfalt gehandhabt werden muß. Ich denke, die wenigsten von uns haben in ihrer Kindheit gelernt, zu entscheiden, wie man sich verhalten möchte.
Unter dem Aspekt wird vieles, was im normalen zwischenmenschlichen Bereich nicht funktioniert, viel klarer und auch das eigene Handeln kann hinlänglich überprüft und verändert werden und eben nicht nur im Bezug auf einen angemessenen Umgang mit Kindern, sondern eben auch im Umgang mit den lieben Mitmenschen.
Diagnose: Auf jeden Fall lesenswert.
Über die Literaturseiten haben Sie die Möglichkeit, die vorgestellten Artikel direkt bei amazon zu bestellen. Alle verfügbaren Bücher sind direkt verlinkt, Sie kommen also durch anklicken des Titels direkt zu dem gewünschten Produkt im amazon Shop!